Brand im Reifenlager Utzberg
07.11.1997



 

REIFEN, REIFEN, REIFEN: Von den Flammen erfasst waren in Utzberg schätzungsweise 20.000 von über 100.000 illegal abgelagerten Altreifen. Nur mit Atemschutzmasken konnten sich die Feuerwehrmänner dem Brandherd nähern. Hier gönnen sich zwei eine kurze Verschnaufpause.

 



ATEMLOS: Ohne schweres
Gerät ging zeiweise fast nichts.

WIRKSAM: Löschkanonier über
Utzberger Flammenmeer.

 

 
Beim Reifenbrand selbst einen Reifen verloren
Viele Köche verdarben im Gasthaus nicht den Brei


Sperrstunde war in Utzberg kein Thema: Gastwirtin Manuela Symalzek räumte Lager und Laden leer, wärmte Würstchen und Buletten, schmierte Brot und Brötchen, kochte Tee. Ehemann Horst griff ebenso zu wie Bürgermeisterin Heidrun Gunkel, die gestern morgen noch keine Auge zugetan hatte. "So einen heißen Einstieg ins Amt habe ich mir nicht gewünscht", so die erst im Sommer ins Amt gewählte Frau.
Ihre Berlstedter Amtskollegin Hildrun Riske hatte zum ersten Mal die Sirene überhört, erfuhr vom Nachteinsatz ihrer Wehr erst nach deren Rückkehr. Nach dem Reifenbrand hatten die Berlstedter selbst einen Reifenschaden zu beklagen. Trost: Am Donnerstag können sie in Günthersleben ein fabrikneues Thüringer Kleinlöschfahrzeug abholen.



Zahlen zwischen den Schläuchen


RUND 20 000 REIFEN brannten in der Feuernacht.
50 METER HOCH loderten die Flammen, die bis nach Erfurt zu sehen waren.
3500 LITER Schaumbilder kamen zum Einsatz.
GLEICH DREIMAL platzten die Schläuche der Hopfgartener Wehr unter den heranrückenden Fahrzeugen.
ÜBER 1000 GRAD Hitze herrschte in den Flammen.




CHRONIK DER BRANDNACHT IN UTZBERG
Zäher Kampf gegen gigantisches Feuer


20.20 Uhr: Der Utzberger Dieter Stegmann sieht aus seinem Garten Qualmwolken über dem einstigen Silo der Agrargenossenschaft.
20.22 Uhr: Stegmann rennt zum Feuerwehrgerätehaus und wirft die Handsirene an.
20.30 Uhr: Anrufe erreichen die Apoldaer Leitstelle.
20.35 Uhr: Die Utzberger Wehr ist vor Ort - und sitzt ohne Leitung auf dem Trockenen. Kein Wasser.
21.30 Uhr: Inzwischen sind über 100 Brandschützer von neun Wehren da. 1000 Meter Schlauchleitung werden zum Hydranten in Utzberg gelegt. Sie reicht nicht.
21.35 Uhr: Die Bad Berkaer versuchen, ihre Kollegen in der Betonkammer von der Drehleiter aus zu unterstützen.
21.55 Uhr: Andere Löschgruppen legen eine Leitung zum Stausee Niederzimmern
und schleppen noch nicht entzündete Reifen aus der Kammer. Eine etwa fünf Meter breite Schneise wird geschlagen.
23.00 Uhr: Die Hiobsbotschaft: Die Leitung ist trocken. Die Schwimmer im Utzberger Speicher sind auf Tiefstand.
23.30 Uhr: Utzbergs Ortsbrandmeister Mario Rohland meldet: Die Leitung zum Stausee steht. Das Wasser läuft.
23.31 Uhr: Das Mellinger Flughafen-Löschfahrzeug mit Löschkanone und 6500 Litern Wasser wird eingesetzt.
23.45 Uhr: Die Stauseeleitung bekommt Unterstützung vom Löschschaum.
23.55 Uhr: Auch außerhalb der Kammer haben sich Reifen entzündet. Blankenhain und Kranichfeld treffen mit neuen Schläuchen und Schaum ein.
0.30 Uhr: Kleinere Reifenstapel sind niedergebrannt.
0.45 Uhr: Der Mellinger Tatra hat eine Dauerleitung, die zweite Löschkanone ist im Einsatz. Aus Apolda sind der neue Kommando-Wagen mit Computer und der Meßwagen da.
1.00 Uhr: Der Radlader-Fahrer schiebt eine Gasse bis kurz vor die Flammen.
1.30 Uhr: Vier Löschtrupps rücken mit Atemschutz vor.
2.42 Uhr: Der Brand ist unter Kontrolle gebracht.
(Artikel der "Thüringer Allgemeine" vom 08.11.1997)




"Das war keine Zigarette"
Brandursache ist unklar

Land will nächste Woche illegales Reifenlager beräumen lassen


Der Morgen danach: In Utzberg sind das gestern trotz Wachablösung vor allem erschöpfte Feuerwehrmänner. Gegen 10 Uhr zum Beispiel rollen die Berkaer die Schläuche zusammen. Seit Donnerstag 20 Uhr war Wehr-Chef Wolfgang Wambutt mit seinen Mannen auf den Beinen. Jetzt bekommt die Schlauch-Wäsche Arbeit.
"Ehe wir uns hinlegen, muß die Technik wieder tiptop und einsatzbereit sein", so der Berkaer.
Felicitas "Feli" Hellmuth ist indes hellwach. Sie hat am frühen Morgen die Kommandogewalt übernommen, die bis dahin Kreisbrandinspektor Wolfram Mohlau inne hatte. Mit den Feuerwehrleuten vor Ort wartete sie auf die nächste Lieferung Schaumbildner, der jetzt von Jena kommen soll. In der Nacht hatten Erfurt, Weimar, Apolda und Kranichfeld damit ausgeholfen. "Die Gefahr ist zwar eingedämmt, aber noch nicht vorbei", erklärt die Blankenhainerin.
Dichter hellgrauer Qualm und eine nach wie vor unerträgliche Hitze binden den Männern von der Kripo die Hände, die nach der Brandursache forschen müssen. Ein schnelles Ergebnis ist ohnehin nicht zu erwarten: Frühestens Montag sei mit ersten Ergebnissen zu rechnen. Daß das Feuer durch eine achtlos weggeworfene Kippe ausgerechnet in der hintersten Ecke der von hohen Betonmauer begrenzten Silokammer entstanden ist, glaubt keiner.
Die Fachleute vom Staatlichen Umweltamt und vom Thüringer Landesverwaltungsamt halten sich bedeckt, geben vor Ort keine Auskunft. Anders Kreis-Umweltamtsleiter Thilo Exner. Er informiert: Boden- und Wasserproben sind genommen, neue Luftmessung veranlaßt. Auch in der Senke nach Niederzimmern, wohin der Qualm jetzt zieht. Und: Exner kann Hoffnungsvolles verkünden. Das Land geht jetzt in die sogenannte Vorersatznahme. Nächste Woche soll das illegale Reifenlager geräumt werden. Auf Kosten des Landes und - nachdem es gebrannt hat. Zum Glück hat hundertfacher Einsatz das Schlimmste verhindert.
(Artikel von Sabine Schmidt und Dirk Pribbernow "Thüringer Allgemeine" vom 09.11.1997)

 


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