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Alarm am Deich
Arbeiten bis zur Erschöpfung:
Wie die Thüringer in Dessau den Dennauer Wall verteidigen
Dessau hielt den Atem an. Der Stadt drohte das Wasser der Elbe und der Mulde.
Der Dennauer Wall ist der lezte Mulde-Deich, der Dessau im Osten schützt.
178 Feuerwehrleute aus Thüringen haben hier Stellung bezogen und kämpfen
gegen die bedrohliche Flut.
Ein Bericht aus Dessau:
"Deckung!" ruft Alexander Grau. Zwei Sekunden später setzt ein Tosen ein,
als ob sich die Erde auftut. Alle pressen sich an den Deich. Der Dreck
fliegt einem um die Ohren: Staub, Wasser, Stroh. Der Schlamm wirbelt auf
und läuft in die Stiefel. Die reifen Weizenkörner werden in das Wasser
gedrückt.
Zwei Meter über der Erde schwebt ein Hubschrauber der Bundeswehr und setzt
ein großes Netz ab. 20 Sandsäcke sind darin. An der Außenseite des Hubschraubers
klebt ein Soldat, der langsam das Seil herablässt. Dann erreicht
das Netz den Boden, der Hubschrauber fliegt davon. Er hinterlässt einen
warmen Sog, der die Luft am Deich noch heißer macht.
Alle fünf Minuten ruft Alexander Grau: "Deckung!" Ganz heiser ist er, weil
er schon seit sechs Uhr morgens ruft. Alexander ist mit 20 Jahren der
Jüngste im Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr Blankenhain. "Es ist mein
erster großer Einsatz", sagt der schmale junge Mann, der von Beruf Fliesenleger
ist und seinen Zivildienst im Katastrophenschutz ableistet. "Ich war
schon bei der Jugendfeuerwehr, da war es keine Frage, hierher zu kommen."
Rüdiger Müller hat den Überblick. Der 47-jährige Apoldaer steht am Ende des
Deiches, wo die ganze Auenlandschaft zu sehen ist. Müller ist Einsatzleiter
am Dellnauer Wall.
Mit 178 Mann sind die Thüringer Feuerwehren am Sonntagabend hier angekommen,
um den letzten Muldedeich und Dessau zu schützen. Am Sonntag brach bereits
der Schwedenwall bei Waldersee. 2800 Menschen mussten evakuiert werden.
Ihre Häuser stehen metertief im Wasser. Entgegen allen Warnungen blieben
60 Menschen in ihren Häusern. Jetzt holte sie die Bundeswehr mit Booten
heraus.
Damit sich solche Szenen nicht wiederholen, stehen die Thüringer im Dreck
und schichten Sandsäcke auf. "Wir waren die Retter in der Not", sagt Rüdiger
Müller. Und es klingt nicht nach Stolz, sondern Verärgerung. Die
22 Feuerwehrleute aus dem Weimarer Land kamen gestern in Mildensee an.
"Da stand die Bürgermeisterin auf der Straße", erzählt Müller, und rief:
Gott sei Dank." Das Technische Hilfswerk aus Bayern, das den Wall verteidigen
sollte, gab in der Nacht auf. "Das habe ich noch nicht erlebt",
sagt Müller, der Zugführer im Katastrophenschutz für das Weimarer Land ist:
"Wir sind sofort auf den Deich. So etwas macht man nicht." Noch hält der
Dellnauer Wall. Ein halber Meter Sandsäcke sind aufgestapelt. Der Pegel
sinkt langsam; zwei Zentimeter in der Stunde. Mehr als tausend Menschen
stehen am Deich, links von der Autobahn A 9.
Das Grundwasser drückt nach oben. Sickerwasser gluckst aus dem Deich.
Überall dort stehen die Thüringer und nehmen die Netze der Hubschrauber in
Empfang. Wie lange der Einsatz dauern wird, vermag Jens Klimsch aus Apolda
nicht sagen. "Wenn wir hier fertig sind, geht es weiter nach Magdeburg."
Hundert Meter weiter steht Andreas Hausicke. Im zivilen Leben ist er
Schornsteinfegermeister in Stadtroda: "Am Sonntag um 16 Uhr kam der Alarm,
zwei Stunden später sind wir losgefahren. Seit der Nacht stehen wir hier."
Ein paar Stunden Schlaf in einem Schullandheim, mehr ist nicht drin. Dann
dreht sich Andreas Hausicke und schimpft. Ein Boot der Saarbrücker
Feuerwehr fährt so schnell auf der Mulde, dass die Wellen fast die Sandsäcke
wegdrücken.
Auf einmal treten immer mehr Sickerstellen auf. Das THW aus Wolfratshausen
hat leichte Boote gebracht. Sie sollen die Sandsäcke, die die Hubschrauber
heranschaffen, verteilen. "dann müssen wir die Säcke zwei Mal umschichten",
stellt Rüdiger Müller fest. Es hilft nichts, das Wasser drückt gegen den
Deich.
Von Dessau kommen immer mehr Leute zum Sandsäckestapeln. Auch Carsten
Schneider, der Erfurter SPD-Bundestagsabgeordnete, hilft mit fünf Gefährten
aus seinem Wahlkampfteam. Seine Hände sind geschwollen. Die Nacht will er
in Mildensee arbeiten. Morgen geht es zurück nach Berlin. Um 12 Uhr tagt
der Haushaltsausschuss, um über die Fluthilfe zu beraten. Andere Helfer
bringen gleich ein paar Säcke mit. Auf der Zufahrt nach Mildensee entsteht
ein Stau. Mittendrin stecken zwei gelbe Postautos. Andreas Hofmann ist mit
sechs Mann aus Apolda gekommen. "Unser Chef hat uns hierher geschickt",
sagt der 33-jährige Angestellte aus der Kaufmännischen Verwaltung: "Seit
Sonntag 9 Uhr sind wir in Dessau. Geschlafen wird im Auto."
Stunde um Stunde pendeln die Postler jetzt zwischen Mildensee und dem alten
Dessauer Flughafen. Auf dem Platz ist am Wochenende so etwas wie das
Logistikzentrum für Sandsäcke entstanden. Tausende Freiwillige füllen hier
die Säcke, die per Hubschrauber oder Auto an die Deiche von Mulde und Elbe
gebracht werden.
Auch am Dellnauer Wall ist die Hitze am Mittag auf 32 Grad gestiegen. Im
Schatten von zwei Löschfahrzeugen aus dem Weimarer Land sitzt der erschöpfte
Zug aus Apolda. Zum Mittagessen gibt es Wildgulasch mit Kartoffelbrei.
Alexander Grau ist der Erste, der wieder aufspringt. Es drängt ihn zum Deich.
Zehn Minuten später ruft er schon wieder: "Deckung!"
(Artikel von Karsten Jauch "Thüringer Allgemeine" vom 19.08.2002)
Einsatz in "Dessau-Mildensee"
Ein Gespräch mit Herrn Burbach vom Katastrophenschutzzug Weimarer Land.
Es war der 18.08.2002 ca. 21.30 Uhr Telefonanruf: Bitte schnellstmöglich
auf dem Feuerwehrdepot einfinden - Der Einsatzbefehl lautete Deichrettung
in Dessau-Mildensee. Nach Ankunft auf dem Depot herrschte dort große
Aufregung. Keiner wußte genau was jetzt passieren sollte. Nach und nach
trudelten alle Kameraden auf dem Hof ein. Nun folgte noch eine Einweisung
durch den stellvertretenden Leiter für Brand- und Katastrophenschutz Herrn
Schirmer.
Dann ging es los:
Aufsitzen und Abfahrt. Eine Fahrt ins Ungewisse, denn niemand wusste genau
was passieren wird. Auf der Fahrt ins Hochwassergebiet herrschte auf den
Straßen und auch bei uns auf dem Löschzug reges Treiben. Wir waren aufgeregt,
denn wir wussten nicht was uns erwarten würde. Jetzt wurde auch schon das
Ausmaß des Hochwassers sichtbar, rings um die A 9 Wasser und aufgestapelte
Sandsäcke.
Endlich Ankunft in Dessau-Mildensee um ca. 01.30 Uhr, und dort lautete auch
gleich der Befehl von der Einsatzleitung "Deichrettung" denn dieser Damm
wurde schon von zwei Zügen des THW aufgegeben, also hieß es jetzt für uns,
Ärmel hoch und Sandsäcke stapeln bis 9.00 Uhr morgens, ohne Pause. Dann
endlich Frühstück, wir bekamen vom THW Lunchpakete mit heißem Kaffee,
Brötchen, Wurst, Marmelade usw. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir zum
ersten Mal wahrnehmen, wie ernst eigentlich die Lage hier war. Wir sahen
das der Nachbarort unter Wasser stand.
Der Vorort Mildensee war noch verschont geblieben. Nachdem wir unsere
1. Pause beendeten hieß es Sandsäcke austeilen. Mit dem Boot der "Staatlichen
Feuerwehrschule Würzburg" fuhren wir 3 Stunden am Damm entlang. Dort
standen über 1000 freiwillige Helfer, welche uns die Sandsäcke abnahmen und
gleich wieder am Damm entlang schichteten. Dann entluden wir Sandsäcke aus
den Lkws der Bundeswehr, aus den Netzen der Hubschrauber und sogar aus
Postautos (aus Apolda) lieferten die Sandsäcke. Und dann hieß es für uns
wieder stapeln, stapeln, stapeln. Und um etwa 20.00 Uhr erhielten wir
unser Abendbrot und anschließend unsere Schlafplatz-Zuweisung. Wir durften
in einer Schule auf Liegen schlafen, also endlich mal kein Wasser um einen
herum. Langsam kehrte Nachtruhe ein, so richtig konnte sicherlich keiner
schlafen, viel zu viel mußte verarbeitete werden.
Am nächsten Morgen so gegen 5.00 Uhr hieß es für uns Aufstehen, Frühstück
und Dammsicherung bis zum Mittagessen. So gegen 12.00 Uhr machten wir uns
hungrig auf den Weg in den örtlichen Kindergarten zum Essen. Nur der
Schlamm machte uns einen Strich durch die Rechnung, wir blieben nämlich mit
unserem Löschzug stecken und standen schräg. Ich weiß nicht wie ich raus
gekommen bin, aber ich war einer von den ersten die vor dem Auto standen.
Da wir unser Auto nicht selbst bergen konnten, mussten wir noch vor dem
Mittagessen auf das Technische Hilfswerk warten, die uns aus dem Schlamm
ziehen mussten. Danach konnten wir uns endlich an unser Mittagessen machen,
es gab Hühnerfrikasee oder Weißkrautsuppe. Dann hieß es für uns wieder
Dammsicherung bis in die Abendstunden, also Sandsäcke stapeln und aufpassen
das der Damm in den Wassermassen nicht aufweicht.
Am Abend erhielten wir von der Einsatzleitung den Befehl ab 4.00 Uhr
morgens Keller auspumpen in Dessau und der Vorstadt Waldersee. Es sollte
also eine kurze Nacht werden.
Sie wurde noch kürzer!
Gegen 0.00 Uhr wurden wir geweckt. Alarm! Dammbruch bei Oranienbaum - Unser
nächster Einsatzbefehl lautete nun Absicherung der A9 zwecks Sprengung der
Abfahrt Ost. Da es aber nicht notwendig war die A 9 zu sprengen, wurden
wir in Bereitschaft versetzt und durften uns wieder hinlegen. Am Morgen
nach dem Frühstück wurde uns dann mitgeteilt, das wir gegen Mittag die
Heimreise antreten konnten, bis dahin sollten 300 Thüringer Feuerwehrleute
am Deich eintreffen. Also bewachten wir bis zur Abreise den Damm und dann
hieß es für uns, Apolda wir kommen.
Kurz vor der Abreise wurden wir von der Bürgermeisterin von Dessau-Mildensee
verabschiedet und als Dankeschön zu einem Fest eingeladen.
(Artikel der "TACH AUCH" der Multimedialen Werkstatt September 2002)
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