Katastrophenschutzeinsatz in Dessau-Mildensee
18.08.2002 - 21.08.2002



 

MIT ALLER KRAFT: Sie lassen sich vom Wasser nicht einschüchtern und auch nicht vertreiben.

 


 
Alarm am Deich
Arbeiten bis zur Erschöpfung:
Wie die Thüringer in Dessau den Dennauer Wall verteidigen


Dessau hielt den Atem an. Der Stadt drohte das Wasser der Elbe und der Mulde. Der Dennauer Wall ist der lezte Mulde-Deich, der Dessau im Osten schützt. 178 Feuerwehrleute aus Thüringen haben hier Stellung bezogen und kämpfen gegen die bedrohliche Flut. Ein Bericht aus Dessau:

"Deckung!" ruft Alexander Grau. Zwei Sekunden später setzt ein Tosen ein, als ob sich die Erde auftut. Alle pressen sich an den Deich. Der Dreck fliegt einem um die Ohren: Staub, Wasser, Stroh. Der Schlamm wirbelt auf und läuft in die Stiefel. Die reifen Weizenkörner werden in das Wasser gedrückt.
Zwei Meter über der Erde schwebt ein Hubschrauber der Bundeswehr und setzt ein großes Netz ab. 20 Sandsäcke sind darin. An der Außenseite des Hubschraubers klebt ein Soldat, der langsam das Seil herablässt. Dann erreicht das Netz den Boden, der Hubschrauber fliegt davon. Er hinterlässt einen warmen Sog, der die Luft am Deich noch heißer macht.
Alle fünf Minuten ruft Alexander Grau: "Deckung!" Ganz heiser ist er, weil er schon seit sechs Uhr morgens ruft. Alexander ist mit 20 Jahren der Jüngste im Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr Blankenhain. "Es ist mein erster großer Einsatz", sagt der schmale junge Mann, der von Beruf Fliesenleger ist und seinen Zivildienst im Katastrophenschutz ableistet. "Ich war schon bei der Jugendfeuerwehr, da war es keine Frage, hierher zu kommen." Rüdiger Müller hat den Überblick. Der 47-jährige Apoldaer steht am Ende des Deiches, wo die ganze Auenlandschaft zu sehen ist. Müller ist Einsatzleiter am Dellnauer Wall.
Mit 178 Mann sind die Thüringer Feuerwehren am Sonntagabend hier angekommen, um den letzten Muldedeich und Dessau zu schützen. Am Sonntag brach bereits der Schwedenwall bei Waldersee. 2800 Menschen mussten evakuiert werden. Ihre Häuser stehen metertief im Wasser. Entgegen allen Warnungen blieben 60 Menschen in ihren Häusern. Jetzt holte sie die Bundeswehr mit Booten heraus.
Damit sich solche Szenen nicht wiederholen, stehen die Thüringer im Dreck und schichten Sandsäcke auf. "Wir waren die Retter in der Not", sagt Rüdiger Müller. Und es klingt nicht nach Stolz, sondern Verärgerung. Die 22 Feuerwehrleute aus dem Weimarer Land kamen gestern in Mildensee an. "Da stand die Bürgermeisterin auf der Straße", erzählt Müller, und rief: Gott sei Dank." Das Technische Hilfswerk aus Bayern, das den Wall verteidigen sollte, gab in der Nacht auf. "Das habe ich noch nicht erlebt", sagt Müller, der Zugführer im Katastrophenschutz für das Weimarer Land ist: "Wir sind sofort auf den Deich. So etwas macht man nicht." Noch hält der Dellnauer Wall. Ein halber Meter Sandsäcke sind aufgestapelt. Der Pegel sinkt langsam; zwei Zentimeter in der Stunde. Mehr als tausend Menschen stehen am Deich, links von der Autobahn A 9.
Das Grundwasser drückt nach oben. Sickerwasser gluckst aus dem Deich. Überall dort stehen die Thüringer und nehmen die Netze der Hubschrauber in Empfang. Wie lange der Einsatz dauern wird, vermag Jens Klimsch aus Apolda nicht sagen. "Wenn wir hier fertig sind, geht es weiter nach Magdeburg." Hundert Meter weiter steht Andreas Hausicke. Im zivilen Leben ist er Schornsteinfegermeister in Stadtroda: "Am Sonntag um 16 Uhr kam der Alarm, zwei Stunden später sind wir losgefahren. Seit der Nacht stehen wir hier." Ein paar Stunden Schlaf in einem Schullandheim, mehr ist nicht drin. Dann dreht sich Andreas Hausicke und schimpft. Ein Boot der Saarbrücker Feuerwehr fährt so schnell auf der Mulde, dass die Wellen fast die Sandsäcke wegdrücken.
Auf einmal treten immer mehr Sickerstellen auf. Das THW aus Wolfratshausen hat leichte Boote gebracht. Sie sollen die Sandsäcke, die die Hubschrauber heranschaffen, verteilen. "dann müssen wir die Säcke zwei Mal umschichten", stellt Rüdiger Müller fest. Es hilft nichts, das Wasser drückt gegen den Deich.
Von Dessau kommen immer mehr Leute zum Sandsäckestapeln. Auch Carsten Schneider, der Erfurter SPD-Bundestagsabgeordnete, hilft mit fünf Gefährten aus seinem Wahlkampfteam. Seine Hände sind geschwollen. Die Nacht will er in Mildensee arbeiten. Morgen geht es zurück nach Berlin. Um 12 Uhr tagt der Haushaltsausschuss, um über die Fluthilfe zu beraten. Andere Helfer bringen gleich ein paar Säcke mit. Auf der Zufahrt nach Mildensee entsteht ein Stau. Mittendrin stecken zwei gelbe Postautos. Andreas Hofmann ist mit sechs Mann aus Apolda gekommen. "Unser Chef hat uns hierher geschickt", sagt der 33-jährige Angestellte aus der Kaufmännischen Verwaltung: "Seit Sonntag 9 Uhr sind wir in Dessau. Geschlafen wird im Auto."
Stunde um Stunde pendeln die Postler jetzt zwischen Mildensee und dem alten Dessauer Flughafen. Auf dem Platz ist am Wochenende so etwas wie das Logistikzentrum für Sandsäcke entstanden. Tausende Freiwillige füllen hier die Säcke, die per Hubschrauber oder Auto an die Deiche von Mulde und Elbe gebracht werden.
Auch am Dellnauer Wall ist die Hitze am Mittag auf 32 Grad gestiegen. Im Schatten von zwei Löschfahrzeugen aus dem Weimarer Land sitzt der erschöpfte Zug aus Apolda. Zum Mittagessen gibt es Wildgulasch mit Kartoffelbrei. Alexander Grau ist der Erste, der wieder aufspringt. Es drängt ihn zum Deich. Zehn Minuten später ruft er schon wieder: "Deckung!"
(Artikel von Karsten Jauch "Thüringer Allgemeine" vom 19.08.2002)





Einsatz in "Dessau-Mildensee"
Ein Gespräch mit Herrn Burbach vom Katastrophenschutzzug Weimarer Land.



Es war der 18.08.2002 ca. 21.30 Uhr Telefonanruf: Bitte schnellstmöglich auf dem Feuerwehrdepot einfinden - Der Einsatzbefehl lautete Deichrettung in Dessau-Mildensee. Nach Ankunft auf dem Depot herrschte dort große Aufregung. Keiner wußte genau was jetzt passieren sollte. Nach und nach trudelten alle Kameraden auf dem Hof ein. Nun folgte noch eine Einweisung durch den stellvertretenden Leiter für Brand- und Katastrophenschutz Herrn Schirmer.

Dann ging es los:
Aufsitzen und Abfahrt. Eine Fahrt ins Ungewisse, denn niemand wusste genau was passieren wird. Auf der Fahrt ins Hochwassergebiet herrschte auf den Straßen und auch bei uns auf dem Löschzug reges Treiben. Wir waren aufgeregt, denn wir wussten nicht was uns erwarten würde. Jetzt wurde auch schon das Ausmaß des Hochwassers sichtbar, rings um die A 9 Wasser und aufgestapelte Sandsäcke.
Endlich Ankunft in Dessau-Mildensee um ca. 01.30 Uhr, und dort lautete auch gleich der Befehl von der Einsatzleitung "Deichrettung" denn dieser Damm wurde schon von zwei Zügen des THW aufgegeben, also hieß es jetzt für uns, Ärmel hoch und Sandsäcke stapeln bis 9.00 Uhr morgens, ohne Pause. Dann endlich Frühstück, wir bekamen vom THW Lunchpakete mit heißem Kaffee, Brötchen, Wurst, Marmelade usw. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir zum ersten Mal wahrnehmen, wie ernst eigentlich die Lage hier war. Wir sahen das der Nachbarort unter Wasser stand.
Der Vorort Mildensee war noch verschont geblieben. Nachdem wir unsere 1. Pause beendeten hieß es Sandsäcke austeilen. Mit dem Boot der "Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg" fuhren wir 3 Stunden am Damm entlang. Dort standen über 1000 freiwillige Helfer, welche uns die Sandsäcke abnahmen und gleich wieder am Damm entlang schichteten. Dann entluden wir Sandsäcke aus den Lkws der Bundeswehr, aus den Netzen der Hubschrauber und sogar aus Postautos (aus Apolda) lieferten die Sandsäcke. Und dann hieß es für uns wieder stapeln, stapeln, stapeln. Und um etwa 20.00 Uhr erhielten wir unser Abendbrot und anschließend unsere Schlafplatz-Zuweisung. Wir durften in einer Schule auf Liegen schlafen, also endlich mal kein Wasser um einen herum. Langsam kehrte Nachtruhe ein, so richtig konnte sicherlich keiner schlafen, viel zu viel mußte verarbeitete werden.
Am nächsten Morgen so gegen 5.00 Uhr hieß es für uns Aufstehen, Frühstück und Dammsicherung bis zum Mittagessen. So gegen 12.00 Uhr machten wir uns hungrig auf den Weg in den örtlichen Kindergarten zum Essen. Nur der Schlamm machte uns einen Strich durch die Rechnung, wir blieben nämlich mit unserem Löschzug stecken und standen schräg. Ich weiß nicht wie ich raus gekommen bin, aber ich war einer von den ersten die vor dem Auto standen. Da wir unser Auto nicht selbst bergen konnten, mussten wir noch vor dem Mittagessen auf das Technische Hilfswerk warten, die uns aus dem Schlamm ziehen mussten. Danach konnten wir uns endlich an unser Mittagessen machen, es gab Hühnerfrikasee oder Weißkrautsuppe. Dann hieß es für uns wieder Dammsicherung bis in die Abendstunden, also Sandsäcke stapeln und aufpassen das der Damm in den Wassermassen nicht aufweicht.
Am Abend erhielten wir von der Einsatzleitung den Befehl ab 4.00 Uhr morgens Keller auspumpen in Dessau und der Vorstadt Waldersee. Es sollte also eine kurze Nacht werden.
Sie wurde noch kürzer!
Gegen 0.00 Uhr wurden wir geweckt. Alarm! Dammbruch bei Oranienbaum - Unser nächster Einsatzbefehl lautete nun Absicherung der A9 zwecks Sprengung der Abfahrt Ost. Da es aber nicht notwendig war die A 9 zu sprengen, wurden wir in Bereitschaft versetzt und durften uns wieder hinlegen. Am Morgen nach dem Frühstück wurde uns dann mitgeteilt, das wir gegen Mittag die Heimreise antreten konnten, bis dahin sollten 300 Thüringer Feuerwehrleute am Deich eintreffen. Also bewachten wir bis zur Abreise den Damm und dann hieß es für uns, Apolda wir kommen.
Kurz vor der Abreise wurden wir von der Bürgermeisterin von Dessau-Mildensee verabschiedet und als Dankeschön zu einem Fest eingeladen.
(Artikel der "TACH AUCH" der Multimedialen Werkstatt September 2002)

 






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