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Kunstschätze gerettet
Bereits fünf Minuten nach der Alarmierung ist der Löschzug der BF Weimar an
der Bibliothek am Platz der Demokratie. Aus einem Dachgaubenfenster in der
Mansarde des historischen Grünen Schlosses schlagen die Flammen. Selbst vom
Erdboden sieht der Wachtabteilungsführer, dass die Dachhaut rechts und links
des Gaubenfensters in etwa 15m Höhe bereits durchgebrannt ist.
Sechs Drehleitern werden alarmiert
Nach dem Alarmstichwort "Brandmeldeanlage Anna-Amalia-Bibliothek" war die
Berufsfeuerwehr kurz vorher ausgerückt. Die Anlage ist bei der BF aufgeschaltet.
Mit der vollen diensthabenden Schicht - Stärke 1:6 - rückte die Wehr am Abend
des 2. September um 20.25 Uhr aus. Mit LF16/12, TLF 24/50 und DLK 23/12 ging
es in Richtung Platz der Demokratie. Und fast genau so schnell waren die
Medien vor Ort und "dokumentieren" den folgenden Einsatz.
Schon während der Fahrt zur Einsatzstelle erfährt der Wachabteilungsführer
über Funk, dass aufgeregte Bürger der Leitstelle Flammen aus dem Dachfenster
des Schlosses melden. Und beim Blick durch die Frontscheibe des Führungsfahrzeuges
sieht er bereits 200 m vor Erreichen des Platzes die Rauchentwicklung
über dem Dach der Bibliothek. Sofort lässt er Großalarm für alle
sechs Freiwillige Feuerwehren von Weimar auslösen.
Die FF Weimar-Mitte absolviert gerade ihren Ausbildungsdienst im Gerätehaus.
Die Kameraden hören den Funkverkehr mit und setzen sich mit Beginn des
Vollalarms sofort in Richtung Anna-Amalia-Bibliothek in Bewegung. Kurz
darauf werden auch die Freischichten der Berufsfeuerwehr alarmiert und
überörtlich die Drehleitern der Wehren aus Erfurt, Jena, Apolda, Bad Berka
und Berlstedt angefordert. Darüber hinaus werden ca. 100 Feuerwehrleute aus
Wehren des Landkreises alarmiert.
Der Kampf beginnt
Da die FF Mitte kurz nach der Berufsfeuerwehr eintreffen muss, lässt der
Wachabteilungsführer über die Drehleiter einen massiven Löschangriff im Bereich
des Dachgaubenfensters durchführen. Links und rechts davon sind die Flammen
bereits durch das Dach - Jahrhunderte alte Holzkonstruktion mit Schiefereindeckung -
durchgebrannt. Der massive Angriff über die Drehleiter soll das
Feuer so weit eindämmen, dass die nachfolgenden Trupps sofort mit dem Innenangriff
beginnen können. Während die zwei Feuerwehrleute des LF 16/12 eine
stabile Wasserversorgung aus dem Fluss Ilm aufbauen, stellt die Besatzung
des TLF 24/50 die Wasserversorgung zur Drehleiter her.
Nach dem kurzzeitigen Niederschlagen der Flammen am Fenster sieht der Trupp
im Drehleiterkorb jedoch bereits Feuerschein hinter den Regalen in der
2. Galerie des Rokokosaales. Und dicker schwarzer Rauch quillt gefährlich
pulsierend aus der Dachfläche.
Während desssen ist der Wachabteilungsführer bereits mit einem Sicherheitsmann
der Wachschutzfirma zur Lageerkundung im Gebäude unterwegs. Beide dringen
dabei über das sichere Treppenhaus bis in das 3. Obergeschoß vor. Bereits bei
der Kontrolle der 1. Galerie sehen sie jedoch, wie Rauch von oben in den Saal
drückt. Und prasselnde Geräusche lassen auf ein entwickeltes Feuer schließen.
Der Wachmann wartet im Treppenhaus zwischen dem 1. und 2. Geschoss, um die
zum Innenangriff nachkommenden Feuerwehrmänner einzuweisen.
Den Abschluss der Lageerkundung bildete der Blick vom Platz der Demokratie
in Richtung Dach der Bibliothek, wo eine immer dichter werdende Rauchentwicklung
zu erkennen ist. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits viele Weimarer
auf dem bekannten Platz versammelt - mit Betroffenheit und Entsetzen beobachten
sie das Geschehen.
Zwei Trupps der FF Mitte (Stärke 1:11) erhalten über Funk den Einsatzbefehl,
unter Preßluftatemschutzgeräten über das Treppenhaus zum Innenangriff in das
3. Oberschoss vorzugehen. Um 20.46 Uhr melden die Trupps jedoch, dass das
nicht mehr möglich ist. Die uralten eisernen "Brandschutztüren" zum Spitzboden
und zum Zwischengeschoss über der 2. Galerie sind bereits glühend heiß.
Sie erhalten den Auftrag, unbedingt ein Ausbreiten des Feuers an dieser
Stelle zu verhindern. Denn auch im vom Feuer noch nicht erreichten Teil
der Mansarde lagern Bücher, Skulpturen u. a. Kunstwerke.
Alle weiteren Freiwilligen Feuerwehren der Stadt treffen an der Bibliothek
ein. Die Kameraden der FF Weimar Tiefurt stellen eine weitere Wasserversorgung
von der Ilm her. Anschließend geht ein Trupp zur Unterstüzung des
Innenangriffs in die 1. Galerie des Rokokosaales vor. Sie legen über das
Treppenhaus eine C-Leitung bis in die 1. Galerie. Zwei Trupps Der FF Weimar
Ehringsdorf nehmen die Brandbekämpfung an der Treppe im Südflügel des
Rokokosaales auf. Kameraden der FF Weimar Taubach werden zur Bergung der
Bücher in der 1. Galerie eingeteilt. Sie tragen zuerst die durch Feuer
oder Löschwasser gefährdeten Bücher in das sichere Treppenhaus und legen
sie dort ab.
Die nach und nach aus den Feuerwehren des Umlandes eintreffenden Drehleitern
werden zu je drei auf der Ostseite (Parkseite) und der Westseite (Platz der
Demokratie) des Schlosses in Stellung gebracht. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Intensität des Brandes im Dachgeschoss immer heftiger. Hinter immer
mehr Gaubenfenstern sind Flammen zu sehen, und das Feuer hatte auch bereits
die Dachkante zum Spitzboden erreicht.
Durchzündung im Dachgeschoss
Gegen 21.05 Uhr trifft der Leiter der BF Weimar ein und übernimmt vom
diensthabenden Wachabteilungsführer die Einsatzleitung. Das Brandobjekt
wird in den Abschnitt "Brandbekämpfung" - mit den Unterabschnitten Ost
(Parkseite) und West (Platzseite) - und den Abschnitten "Bergung der Bücher"
sowie "Sanität und Betreuung" aufgeteilt.
Zu diesem Zeitpunkt stürzen die ersten glühenden und brenneden Teile durch
das "Auge" in der Deckenmitte in den Saal herunter und müssen sofort abgelöscht
werden. Nur wenige Minuten später hatte sich das Feuer seinen Weg
durch die 2. Galerie und das Dachgeschoss gebahnt - die Mansarde zündete
nahezu explosionsartig auf zwei Dritteln der Länge durch. Stichflammen
schießen zehn bis 20 Meter hoch in den nächtlichen Himmel, und innerhalb
nur weniger Minuten ist der mittlere Dachstuhl komplett vom Feuer eingehüllt.
Die Trupps der FF Weimar, die nicht im Innenangriff eingesetzt sind, stehen
als Sicherheits- bzw. Reservetrupps bereit, bauen eine Einsatzstellenbeleuchtung
auf oder sind mit der Bergung der Bücher bzw. mit Absperrmaßnahmen beschäftigt.
Gegen 21.20 Uhr nimmt die technische Einsatzleitung ihre Arbeit auf. Immer
mehr nachalarmierte Feuerwehren treffen aus dem Landkreis ein. Diese
werden zur Ablösung der Trupps im Innen- bzw. Außenangriff und vor allem
zur Bergung der Bücher eingesetzt. Der Einsatzleiter legt fest, dass nur
Feuerwehrleute innerhalb der Galerien zur Bergung der Kunstschätze arbeiten.
Erst im sicheren Treppenhaus bilden die Mitarbeiter und Helfer eine Kette,
die über fast 100 m bis in die Katakomben und das bereits fertiggestellte
neue Tiefenmagazin unter den Platz der Demokratie reicht. Einzige Ausnahme
sind der Leiter der Bibliothek und der Präsident der Stifutng
"Weimar-Klassik", die gemeinsam mit Feuerwehrführungskräften vor Ort
festlegen, in welcher Reihenfolge die gefährdeten Bestände zu evakuieren sind.
Feuerausbreitung wird gestoppt
Nach der Durchzündung wird ein konzentrierter Außenangriff über die sechs
Drehleitern und mit zwei Wendestrahlrohren sowie der Innenangriff mit vier
C-Rohren gefahren.
Kurz vor 22 Uhr wird die Lage an der Holztreppe im Südflügel des Rokokosaal
noch einmal gefährlich. Dieser Bereich ist ganz entscheidend für den
weiteren Brandverlauf - kann das Feuer hier nicht zum Stehen gebracht werden,
droht der Verlust der Bücher und Kunstwerke auch in den Regalen der 1. Galerie
des historischen Saales. Hinter einem Regal mit der Bibelsammlung stehen
die Flammen bereits vor der Galerie. Den zwei Angriffstrupps gelingt es
jedoch, die Feuerausbreitung hier zu stoppen. Aufgrund des hohen Risikos
stehen Reserve- und Sicherheitstrupps bereit. Durch den Brand instabil
gewordene Teile des Dachstuhles stürzen in immer dichterer Folge auf die
Decke des Rokokosaals und durch das "Auge" bis in den Saal. Schwer abzuschätzen
ist auch, wie lange die alte Holzbalkendecke selbst - durch
Brandschutt und Löschwasser belastet - noch hält.
Der Einsatzleiter lässt den Rokokosaal in der Zeit von 21.56 Uhr bis
22.35 Uhr für alle Kräfte, die zur Bücherbergung eingesetzt sind, sperren.
Das Risiko ist für die Retter unkalkulierbar hoch geworden. Erst nach einer
eingehenden Besprechung mit Statikern wird die weitere Vorgehensweise zur
Bergung der Bücher festgelegt. Ab diesem Zeitpunkt wird im Bereich der
2. Galerie eine Mittelschaumdecke gelegt, um Rückzündungen zu verhindern.
Alle anderen Löscharbeiten erfolgen nach wie vor mit Wasser.
Als um 22.10 Uhr der Sanitätsdienst und Betreuungsdienst des Katastrophenschutzes
der Stadt Weimar eintrifft, wird der Einsatzabschnitt "Sanität
und Betreuung" ausgebaut. Eine viertel Stunde später melden Abschnittsleiter
"Brand unter Kontrolle" und etwa 22.35 Uhr kann nach einer
erneuten Lageeinschätzung durch den Einsatzleiter die Bergung der Bücher
fortgesetzt werden.
Rund 150 Helfer - Feuerwehrmänner, Polizisten, Bedienstete der Stadtverwaltung,
Mitarbeiter der Stiftung, des DRK und der JUH - bilden eine
Menschenkette zur Rettung der Kunstschätze.
Sicherung der Kunstwerke
Zum Absteifen der Decke des Rokokosaales alarmiert die Einsatzleitung
gegen 22.50 Uhr das Technische Hilfswerk Apolda. Etwa eine Stunde später
wird dann mit den Absteifungsarbeiten begonnen. Parallel dazu läuft die
Bergung der Bücher weiter auf vollen Touren.
Die Meldung "Feuer aus" kann die Einsatzleitung gegen 23.30 Uhr geben. Die
Restablöschung und die Überwachung, um ein Wiederaufflammen und Rückzündungen
zu verhindern, beginnt.
Mit einer von der Feuerwehr Apolda angeforderten Wärmebildkamera werden
die Säulen der 1. Galerie kontrolliert. Zwischen den hölzernen Verkleidungen
und den Holzstützen sind von oben Glut und heißer Brandschutt gefallen.
Vorsichtig, um die wertvollen Holztäfelungen nicht noch mehr zu beschädigen,
werden die Glutnester abgelöscht.
Das Feuer wurde auf den Bereich des Schlosses begrenzt gehalten, in dem es
bereits bei Ankunft der Feuerwehren - Spitzboden, Zwischengeschoss und
2. Galerie der Mansarde - wütete.
Rund acht Stunden später - um 07.50 Uhr am 3. September 2004 - ist die
Bergung von Büchern und Kulturgut aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich
beendet. Sowohl von der 1. Galerie als auch aus dem Parterre konnten alle
Bücher und Kunstwerke gerettet werden. Bis zu 200 Helfer haben die Nacht
hindurch 120.000 Bände in das neue Tiefenmagazin gebracht. Die technische
Einsatzleitung hat um 15.00 Uhr ihre Arbeit beendet.
Noch bis zum 7. September 2004, 18.00 Uhr, begleitet die Feuerwehr mit
sechs Kameraden die Beräumung der 2. Galerie des Rokokosaales von
Brandschutt, indem sie die zum Teil immer noch vorhandenen Glutnester
ablöscht. Danach erst ist der Feuerwehreinsatz beendet. Trotz der
komplizierten Einsatzbedingungen gab es nur wenige Verletzungen - drei
Feuerwehrleute erlitten leichte Rauchvergiftungen und ein Kamerad kugelte
sich den Arm aus.
Bericht von Hartmut Haupt, Leiter der BF Weimar - Artikel aus der "FEUERWEHR" 12/04 |
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